Freitag, 8. Dezember 2017

Thalea Storms Blogger Adventskalender


Schon sind wir beim 8.Dezember angekommen. Heute öffne ich für euch das Türchen von Thalea Storms Blogger Adventskalender.

Thalea hat auf meine Bitte hin einen Bericht geschrieben, der mir unglaublich nah ging. Denn uns verbindet definitiv unsere soziale Ader.  Deshalb geht es auch heute um die soziale Arbeit zur Weihnachtszeit.
Aber lest selbst!

Kleine Seelen an Weihnachten
(Adventskalendertürchen 8 bei Buch zum Film)


Was viele von euch sicher nicht wissen: Bevor ich mich entschied, hauptberuflich als Autorin zu arbeiten, studierte ich Soziale Arbeit und war auch schon einige Zeit in dem Bereich tätig. Sozialarbeit ist ein sehr schöner Beruf, weil man immer auf irgendeine Art und Weise etwas Gutes tun kann. Zudem ist es eine sehr vielseitige Tätigkeit, kein Tag gleicht dem anderen. Aber sie ist auch nicht immer einfach. Oft ist man mit Schicksalen konfrontiert, die einen so schnell nicht mehr loslassen. 



So auch während meiner Studienzeit. Um Berufserfahrung zu sammeln, absolvierte ich erst mein Praxissemester in einem Kinder- und Jugendheim und arbeitete anschließend nebenberuflich dort bis zum Ende des Studiums. Ich bin in einer intakten Familie aufgewachsen und war sowohl neugierig, als auch ängstlich, welche Kinder ich in einem Kinderheim antreffen würde. Man denkt immer: „Oh, das sind doch sicher Waisenkinder.“ Dazu kann ich nur sagen, dass kein einziges der Kinder dort ein Waisenkind war. Es waren alles welche, die aus schlechten Familienverhältnissen kamen und wegen hochgradiger Kindeswohlgefährdung zu ihrem eigenen Schutz im Heim untergebracht worden. Es ist unglaublich, wozu Eltern fähig sein können.
Im Heim wohnten Kinder im Alter von wenigen Wochen bis zum jungen Erwachsenenalter. Es gab verschiedene Gruppen sowie einen Mutter-Kind-Bereich für Teenagermütter und ihre Babys und auch einen Wohnbereich der Jugendlichen, die schon überwiegend selbstständig lebten, aber noch etwas Unterstützung benötigten, bevor sie wieder allein in die Welt hinaus entlassen worden. 



Entgegen vieler Meinungen, die so durch die Welt schweifen, war das Heim in dem ich arbeitete sehr liebevoll eingerichtet und legte großen Wert auf eine familienähnliche Betreuung. Es gab Bezugserzieher, die sich vorwiegend um einzelne Kinder / Jugendliche kümmerten und somit einen bedeutenden Platz als Elternersatz einnahmen. Es wurde viel gelacht, manchmal geweint und auch viel gekuschelt, vor allem mit den kleineren Kindern. 
Ich betreute unter anderem eine Gruppe, in der sechs Geschwisterkinder lebten. Das allein ist schon ein schockierender Fakt. Sie kamen aus wirklich undenkbar schlechten Verhältnissen. Das alltägliche Leben in eigenen Fäkalien ist nur ein Beispiel davon. Massive Kindeswohlgefährdung. Ich habe ihre Akten gelesen und hätte heulen können. Wie kann jemand seine Kinder so vernachlässigen? Wie kann er sie solchen Umständen aussetzen? Den Weg ins Leben so schrecklich ebnen? Ich war wütend auf die Eltern, diese Welt und diese Ungerechtigkeit. Mir taten die Kinder so leid und ich nahm an, sie würden die Unterbringung im Heim als Rettung empfinden, wie jeder andere Mensch auch. Schließlich hatten sie endlich ausreichend Nahrung und Pflege. Doch ich musste lernen: So war es nicht! Kinder in so jungen Jahren lieben ihre Eltern IMMER. Egal, was sie ihnen angetan haben. 
Richtig schmerzhaft bewusst wurde mir das an Weihnachten. 
Die Kinder des Heims gaben ein Weihnachtskonzert, sangen bezaubernde Lieder und spielten Weihnachtsgeschichten nach. Unter anderem durften auch Eltern (unter Aufsicht) daran teilnehmen und zusehen. Auch die, der Geschwisterkinder. Die Freude war auf beiden Seiten sehr groß (Ja, Menschen können lieben, auch wenn ihnen die Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst ist). Ich ahnte bereits in dem Moment, dass die Trennung von den Eltern für die Kinder an diesem Abend besonders schwer sein würde. Und so kam es. Nach dem Ende der Veranstaltung mussten wir die Familie wieder voneinander trennen. Wir alle wussten, dass es richtig ist und die Kinder den Schutz benötigen. Dass dieses heile Familienbild, welches sich uns bot, nicht die Realität war und dass die Eltern nicht in der Lage waren, ihre Kinder zu versorgen. Wir wussten es wirklich und trotzdem lief es aus dem Ruder. 
Der Vater warf sich weinend auf den Fußboden, presste so viele seiner Kinder wie nur möglich an sich und wollte sie nicht loslassen. Die Kinder weinten ebenfalls, schrien, wollten nicht von uns mitgenommen werden.
In diesem Moment mussten wir als Fachpersonal einfach funktionieren. Wir teilten uns auf und kümmerten uns um die einzelnen Kinder, während andere Sozialpädagogen das Gespräch mit den Eltern suchten und ihnen erklärten, welche Folgen solche Situationen für die Kinderseelen haben können. 
Es war ein schwerer Abend, der mir bis heute eine Gänsehaut über den Körper jagt. Weihnachten ist ein Familienfest. Was tut man, wenn die Familie aber nur schädlich ist? Was tut man, wenn die Vernunft sagt, dass man richtig handelt, aber das Herz schmerzt? 
Das ist Sozialarbeit. 


Dieses Erlebnis war einschneidend für mich und hat mich in meiner beruflichen Tätigkeit sehr geprägt. Ich kann euch aber auch sagen, dass wir mit den Kindern noch ein wunderschönes Weihnachtsfest unter uns gefeiert haben. Es gab einen Weihnachtsbaum, viele Geschenke, ein tolles Essen, selbstgebackene Kekse und eine ganz besinnliche und schöne Stimmung mit funkelnden Kinderaugen und lautem Lachen. Wir haben gesungen, Spiele gespielt und getanzt. Es war ein toller Abend. 
Alles hat scheinbar seine guten und seine schlechten Seiten. Manchmal lohnt es sich, die Schlechten zu erleben, um die Guten noch intensiver zu schätzen. <3 



Ein total emotionaler und ergreifender Bericht. Aber eine Tatsache, die man zu Weihnachten nicht aus dem Gedächtnis streichen darf. Nicht jeder kann ein wunderbares Weihnachten feiern und auch an diese Menschen sollte man  nicht nur zu Weihnachten denken
Danke, Thalea!
~Anna

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen